Nichts Neues, Mr. Bilk?


Freiheit (heute Mitteldeutsche Zeitung) vom 25. Januar 1967

Kürzlich erlebten die halleschen Jazzfreunde zum zweiten Male Mr. Acker Bilk und seine Paramount Jazzband aus England auf den Brettern des Steintors. Bilk-Anhänger waren sicher zunächst enttäuscht, weil Gitarrist Tony Pitt sein Banjo zu Hause gelassen hatte und weil als »Bilk-fremdes« Element ein Altsaxophon den inzwischen schon zum Klischee gewordenen Sound veränderte. Bruce Turner – ein international geschätzter Vertreter der etwas süßlichen Hodges-S[ch]mith-Carter-Tradition – war dieser Neuerwerb. Bis auf Trompeter Al Fareweather tournierten die Solisten schon im vergangenen Jahr mit Bilk durch die DDR: Ron McKay (Schlagzeug und Kaugummi, letzteren alternierend mit Gesang), Thomas Finlayson (Baß), Stan Greig (Piano) und John Mortimer (Posaune).

Die dargebotenen Titel muß man der gerechteren Einschätzung wegen in drei Kategorien einteilen. Erstens waren da die schmalzigen (allenfalls mit etwas Zwiebeln ausgelassen) und deshalb unjazzmäßigen Stücke, allen voran die reichlich ausgetretenen Fußstapfen des Fremden an der Küste (»Stranger on the Shore«). Zweitens, um das Negativste vorwegzunehmen, müssen die im Tempo gewalttätig überspannten und nur im Dienste der perfektionieren Instrumentaltechnik stehenden und deshalb abermals unjazzmäßigen Darbietungen genannt werden, etwa »Sweet Georgia Brown« mit der Fingerakrobatik des sein Instrument sagenhaft beherrschenden Gitarristen. Drittens endlich seien die zwischen diesen beiden Extremen liegenden Titel (meist aus dem klassischen Jazz-Repertoire) genannt, die weitaus gefälliger anzuhören waren, aber außer dem Sound nichts Neues zu bieten hatten, weder stilistisch noch solistisch.

Mr. Bilk hatte nicht einmal ein wesentlich neues Programm zusammen gestellt: Paradestücke wie das des Pianisten (»Honky Tonk Train Blues«), des Gitarristen (»Sweet Georgia Brown«) und die des Schlagzeugers (sein Gesangstitel »St. James Infirmary« und ein vierhändiges Solo zusammen mit Stan Greig) sowie »Stranger on the Shore« standen schon im vergangenen Jahr mit auf dem Speisezettel der DDR-Tournee. Ja selbst der Kaugummi-an-das-Becken-kleben-Gag war wieder dabei. Doch um gerecht zu sein, etwas war tatsächlich neu an der Show – der Kaugummi selbst.

Siegfried Brandt

Ein anderes Veranstaltungsplakat aus dem Nachlass (bemerkenswert: auf den Tag genau 60 Jahre vor seinem Tod):

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